Messwerte für Empfindlichkeiten usw.

Reine Empfänger-Bausteine außerhalb atelier/slim line
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henry2
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Messwerte für Empfindlichkeiten usw.

#1 Beitrag von henry2 » 11.06.2014, 23:48

Hallo zusammen,

Klaus schnitt in der Beitragsreihe CE16 unter dem Themenbereich "Braun Produktegalerie" kurz die Entwicklung der Empfangsempfindlichkeit von Tunern an, die nach dem CE16 folgten. Er schrieb:

Zitat: "Die Eingangsempfindlichkeit, die bei Fertigung noch bahnbrechend gewesen sein dürfte, hat Braun später mehrfach übertroffen mit 0,8 µV beispielsweise im CE 1020."

Das ist sicherlich zutreffend und sicherlich hat sich diesbezüglich auch noch einiges getan, aber ganz so spektakulär, wie es uns die später angepriesenen (µV-)Werte glauben machen wollen, ist es doch nicht ganz. Insbesondere sind die Angaben zur Empfindlichkeit beim CE16 und den nachfolgenden Tunern und Receivern in keiner Weise miteinander vergleichbar.

Beim CE16 lauteten die Angaben:
Empfindlichkeit 1,5µV bei 26dB Signal-Rauschabstand und bei 22,5KHz Hub.

Beim CE500/501:
Empfindlichkeit 1µV bei 30dB Signal-Rauschabstand und bei 40KHz Hub.

Beim CE1000:
Empfindlichkeit 0,9µV bei 30dB Signal-Rauschabstand und bei 40KHz Hub.

Beim CE1020, CEV510 und CEV520:
Empfindlichkeit 0,8µV bei 30dB Signal-Rauschabstand und bei 40KHz Hub.

Bei den Geräten, die dem CE16 nachfolgten, einigte man sich bei der Firma Braun und etlichen anderen Herstellern darauf, den Wert für die Empfindlichkeit bei 30dB Signal-Rauschabstand und einem Hub von 40KHz anzugeben. Letztere sind auch untereinander vergleichbar, jedoch nicht mit denen des CE16.

Ein Hub von 40KHz ergibt (bei gleichem Pegel des HF-Signals) gegenüber einem Hub von 22,5KHz einen um 5dB besseren Signal-Rauschabstand. Das heißt, wenn z.B. beim CE500 oder CE501 die Empfindlichkeit bei einem Hub von 22,5KHz gemessen würde, so würde sich der Signal-Rauschabstand bei einer HF-Eingangsspannung von 1µV auf 25dB reduzieren. Daraus folgt das Argument der Werbefachleute: Je größer der Hub, desto "besser" erscheinen auf den ersten Blick die Angaben für die Eingangsempfindlichkeit.

Umgekehrt lässt sich aber an dieser Stelle leider nicht darauf zurückschließen, wie hoch das Eingangssignal beim CE16 bei 30dB Signal-Rauschabstand und 40KHz Hub sein müsste, da wir dessen Rauschpegel nicht kennen. Es wird aber sicherlich geringer als 1,5µV sein.

Allerdings sagt der Wert der Eingangsempfindlichkeit bei einem Tuner längst nicht alles über seine Empfangsqualitäten aus. Es spielen noch eine Menge andere Faktoren eine mindestens ebenso große Rolle, wie z.B. die Selektivität, Gleichwellenselektion, Großsignalfestigkeit, Spiegelfrequenzunterdrückung, Fremdspannungsabstand, NF-Frequenzgang und Klirrfaktor, um die wichtigsten zu nennen.

Was nutzt eine supertolle Empfindlichkeit, vielleicht noch gepaart mit einer sehr guten Selektivität, wenn dafür der NF-Frequenzgang und der Klirrfaktor grottenschlecht ist? Oder ein hervorragender NF-Frequenzgang (toller Klang), gepaart mit besten Klirrfaktorwerten, wenn die Kiste unempfindlich und nicht selektiv ist? Oder wenn ein starker Ortssender den Empfang eines benachbarten, schwach einfallenden Senders unmöglich macht? Oder wenn ein Sender an einer auf der Skala angezeigten Frequenz empfangen wird, wo er gar nicht existiert oder noch schlimmer, wo er (bzw. seine Spiegelfrequenz) dort einen schwachen Sender einfach verdrängt?

Erst die gekonnte Kombination von wichtigen und zugleich überdurchschnittlich guten technischen Daten macht einen überdurchschnittlich guten Tuner aus. Und solche sind wirklich rar gesät.

Viele Grüße

Heinrich

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#2 Beitrag von audiophilus » 17.06.2014, 20:16

Natürlich alles vollkommen richtig, Heinrich. Mir war unbekannt, dass man bei Braun nach dem SE 16 sich auf einheitliche Bezugswerte bei Signal-Rauschabstand und Hub geinigt hatte. Dann sieht natürlich einiges anders aus. Deinem Beitrag ist - mal wieder - nichts hinzuzufügen.

--... ...--, Klaus
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Re: Messwerte für Empfindlichkeiten usw.

#3 Beitrag von Jens » 10.01.2016, 12:00

Hallo Heinrich,

da ich gerade meinen eigenen CE16 in der Mangel habe und nebenbei die Elektroakustischen Werte zusammentrage, habe ich mir noch einmal aufmerksam Deine fachliche Einschätzung der Leistungen dieses frühen Braun Tuners durchgelesen. Auch in meinen Originalunterlagen wird die Eingangsempfindlichkeit mit 1,5µV bei 26dB Signal-Rauschabstand und bei 22,5KHz Hub angegeben.

Ich konnte mich jedoch an eine Quelle erinnern, die den CE16 schon bei 30dB Signal-Rauschabstand und 40 kHz Hub angibt.
Es handelt sich um die High Fidelity Jahrbücher 1965/66 und 1967/68 in denen ich fündig geworden bin.

Edit:
Die Eingangsempfindlichkeit wird im Jahrbuch 1965/66 mit optimistischen 0,9µV angeben während das Jahrbuch 1967/68 diese mit etwas zurückhaltenderen 1,2µV angibt. Ich tendiere eher zum letzteren Wert. Beide Aussagen stützen jedoch wie üblich Deine Einschätzung :mrgreen:.

Info Hifi Jahrbuch 1965/66:
Bild Bild

Info Hifi Jahrbuch 1967/68
Bild

Beide High Fidelity Jahrbücher sind auf wegavision zu finden.

Viele Grüße,
Jens
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Re: Messwerte für Empfindlichkeiten usw.

#4 Beitrag von henry2 » 13.01.2016, 09:48

Hallo Jens,

vielen Dank für diese interessante Info. Interessant deshalb, weil auf die Messungen von Karl Breh und seinen Leuten in der Regel Verlass war. Aus diesen geht hervor, dass bei einem der in den Jahren 1965/66 und 1967/68 unterschiedlich gemessenen Empfindlichkeitswerte (0,9 bzw. 1,2 µV bei 30 dB Rauschabstand und 40 KHz Hub) offenbar kein Messfehler vorlag, sondern das Ergebnis unterschiedlich ausgelegter Bandfilter im ZF-Verstärker.

Man erkennt, dass im HiFi-Jahrbuch 1965/66 eine Bandbreite von nur ±80 KHz (oberhalb des Begrenzungseinsatzes ±120 KHz) gemessen wurde. Das deckt sich auch mit den Angaben in der Braun-Broschüre "Stereo High Fidelity, Einführung und Anleitung, 5. neubearbeitete Auflage" aus dem Jahr 1965. Allerdings wurde dort die Empfindlichkeit mit 1,5 µV bei 26 dB Rauschabstand und 22,5 KHz Hub angegeben.

Aufgrund dieser für Stereotuner ungewöhnlich schmalen Bandbreite ist auch die Empfangsempfindlichkeit höher als bei einem (ansonsten identisch aufgebauten) Tuner mit größerer Bandbreite. Schmalbandig ausgegte Filter weisen eine höhere Güte auf, d.h. sie sind steilflankiger und weniger bedämpft, womit gleichzeitig eine höhere Empfindlichkeit einhergeht. Die dadurch erreichte höhere Empfindlichkeit wird allerdings mit Klangeinbußen erkauft, denn es nimmt die Phasenlinearität ab, der Klirrfaktor steigt, insbesondere bei großem Frequenzhub (Lautstärke) und hohen (NF-)Frequenzen. Der Begrenzungseinsatz war mit 6 µV ohnehin arg hoch.

Ich vermute, dass aus diesem Grund in späteren Baureihen (vielleicht ab 1966) die Bandbreite auf 240 KHz (sicherlich oberhalb des Begrenzungseinsatzes) verdoppelt wurde, denn das klangliche Ergebnis war zuvor wohl nicht zufriedenstellend. Damit sank naturgemäß auch die Empfindlichkeit auf 1,2 µV bei 30 dB Rauschabstand und 40 KHz Hub. So blieb's dann wohl.

Viele Grüße

Heinrich

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Re: Messwerte für Empfindlichkeiten usw.

#5 Beitrag von Jens » 13.01.2016, 14:18

Hallo Heinrich,

besten Dank für Deine Einschätzung und das geballte Fachwissen das Du gratis mitlieferst :thumb:. Toll! Ich habe mir gerade noch einmal die Specs aus dem Jahrbuch 1967/68 zu Gemüte geführt und den Hinweis auf den geringen Klirr (<1%) bei 1,2 µV Eingangsempfindlichkeit, 30 dB Rauschabstand und 40 KHz Hub gefunden. Nach meinem Kenntnisstand stammt mein eigener Tuner aus der ersten Serie da er 1965 produziert und 1966 von meinem Vater gekauft wurde.

Danke & Gruß,
Jens
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