CE1000erlei

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henry2
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CE1000erlei

#1 Beitrag von henry2 » 03.06.2021, 17:02

Hallo Freunde des CE1000,

wenn man denkt, man hätte schon so gut wie alles gesehen, was so die Schuhkarton-Ära und ihre Eigenheiten angeht, so kann man auch mal eines besseren belehrt werden - wie es mir vor kurzem geschah.

Ich repariere immer mal wieder u.a. einen CE1000 bzw. CE1000/2, wobei ich zwischendurch auch mal auf einen Defekt treffe, der nicht so häufig vorkommt.

Bei einem CE1000 (Ser.-Nr. < 10500):

So hatte ich kürzlich einen CE1000 (Ser.-Nr. < 10500) auf dem Tisch, der auf UKW sehr, sehr leise war. Bald war der Fehler gefunden - der Primärkreis des Ratiofilters ließ sich nicht abstimmen; er reagierte überhaupt nicht. Die Spannungen am AF118 waren soweit O.K., sodass ich annahm, dass es nur noch am Filter liegen könne. Da die Primärspule in Ordnung schien, war mein nächster Verdächtiger der Kondensator (22pF) des Primärkreises, den ich dann erneuerte. Filter wieder eingebaut, getestet - der Fehler war noch immer nicht behoben.

Glücklicherweise hatte ich noch ein Schlachtgerät, dem ich das Ratiofilter entnehmen konnte. Nachdem ich es im Reparaturgerät wieder eingebaut und das Gerät nochmal getestet hatte, war der Fehler immer noch vorhanden. Nun wurde trotz annähernd korrekter Spannungen am Transistor der AF118 ausgelötet und durchgemessen. Er war tatsächlich defekt!

Da ich meinen letzten neuen AF118 ohne Not nicht gleich verbauen wollte, schaute ich mir die Schaltung nochmal genauer an. Sie ist verhältnismäßig niederohmig ausgelegt, sodass m.E. nichts gegen die Verwendung eines geeigneten Siliziumtransistors sprach. In einer meiner Schublädchen fand sich auch ein solches Exemplar; es wurde sogleich eingebaut. Einschalten, testen, lief. Der Tuner lief wieder tadellos. Gute Nachricht an alle: Der rare AF118 kann im CE1000 ohne weiteres durch einen geeigneten Siliziumtransistor ersetzt werden.

Nun wollte ich aber das Filter aus dem Schlachtgerät wieder zurückbauen (war ja meines) und das zum Reparaturgerät gehörende Filter wieder einlöten. Tat 's, testete, der Fehler war wieder derselbe. Also, das Ganze wieder zurück, Schlachtgerät-Filter wieder eingebaut, getestet - das Gerät lief wieder einwandfrei. Ein anschließender vollständiger ZF-Abgleich versteht sich von selbst.

Fazit: Hier waren tatsächlich das Ratiofilter und der AF118 defekt. Das kommt bestimmt nicht so häufig vor.

Bei einem CE1000 (Ser.-Nr. > 10500)

Eine andere Überraschung: Bei einem CE1000 (Ser.-Nr. > 10500) stieß ich auf ein sehr außergewöhnliches, wohl selbst gefertigtes Skalenseil. Es handelte sich um das kurze UKW-Seil.
k-UKW_kurz.JPG

Es besteht aus einer Schnur aus Naturfaser, an der jemand äußerst kunstvoll und exakt, durchgehend und im richtigen Abstand anstelle der im Originalseil vorhandenen Perlen, Knoten anfertigte und die beiden Enden des Seils ebenso kunstvoll zusammenknotete.

Das Seil lag lose im Gerät, und nachdem ich es aufgelegt hatte, erfüllte es seinen Zweck absolut zuverlässig und fehlerfrei. Als einziger Wermutstropfen dabei erschien mir der Umstand, dass sich das Seil vermutlich sehr schnell abnutzen würde, da es nicht aus einem widerstandsfähigen Material wie Nylon oder einer anderen Kunstfaserschnur besteht, sondern aus Naturfaser. Man kann jetzt schon ein leichtes Ausfransen an den Knoten erkennen. Das Ganze ist auf jeden Fall ein bemerkenswertes Einzelstück.

Das Gerät war ansonsten weitgehend unverbastelt. Als einziger Eingriff war ein neuer, aber ungeeigneter Entstörkondensator und eine Feinsicherung mit viel zu hohem Nennstrom zu erkennen.

Ansonsten mussten wie immer viele defekte und "halblebige" Elkos erneuert werden. Auch einer der großen Becherelkos mit Schraubbefestigung (1.500µF/100V) war undicht geworden und infolgedessen völlig ausgetrocknet (Hatte immerhin noch 214 nF). Ein Umschalten auf andere Wellenbereiche wäre nicht möglich gewesen.

Nun zu einem anderen ungewöhnlichen Umstand:

Im Zuge der Erneuerung aller Elkos fiel mir in der NF-Ausgangsstufe auf, dass einer der beiden Bootstrap-Elkos (2µF/35V) falsch herum eingelötet war, der vom anderen Kanal war korrekt gepolt. Nun war das nicht der Lapsus eines später agierenden Bastlers, sondern die beiden Elkos (wie übrigens alle im Gerät) stammten aus der Erstbestückung ab Werk. Es waren die typischen rosaroten Frako-Exemplare, wie sie in der zweiten Hälfte der 1960er Jahre häufig eingesetzt wurden. So etwas kann ja mal bei einer Hand-Bestückung passieren; sollte hier aber doch nicht, zumal bei einem Gerät, für das damals ein Kaufpreis in Höhe dreier Monatsgehälter eines Durchschnittsbürgers zu entrichten war..

Die beiden neuen Elkos baute ich gemäß Schaltplan wieder ein und vergewisserte mich auch nochmals mit einem Blick auf den Bestückungsplan. Alles soweit korrekt. Ich weiß nicht, wie ich darauf kam, aber es interessierte mich einfach mal die Spannung, die an den beiden Elkos anliegt. Es waren ca. -0,85 V. Jawohl, minus. Sogleich führte ich die gleichen Messungen an zwei CE1000/2 aus, dort waren die Polungen und Spannungswerte (+0,85 V) wieder korrekt. Bei gleichem Schalt- und Layoutplan. Im Moment war ich ratlos.

Ich schaute mir die Platinen beider Geräte (einem CE1000, Ser.-Nr. > 10500 und einem CE1000/2) genau an; im Bereich der NF-Ausgangsstufe waren einige kleine Verschiebungen bei der Bestückung zu sehen, aber die Werte der Bauteile waren vollkommen identisch. Die Beschriftung auf den beiden Transistoren (nach den Plänen sollten das PNP-Transistoren vom Typ BC179 sein) war sehr kleingeschrieben und nicht leicht zu erkennen, aber mit etwas Mühe und einer Lupe konnte man klar lesen: BC109C. Das sind aber NPN-Transistoren! Daher die scheinbare Verpolung der beiden Elkos. Unter diesem Umstand waren sie korrekt eingelötet. Ich musste also die beiden von mir nach Plan eingelöteten Elkos wieder andersherum einbauen.

Die identischen Schalt- und Layoutpläne für den CE1000 (Ser.-Nr. > 10500) und den CE1000/2 (die UKW-ZF-/Stereodecoderplatine betreffend):
Für das Gerät, das ich auf dem Tisch hatte, leider nicht zutreffend.
Ausschnitt_CE1000_2_Slp.jpg
Ausschnitt_CE1000_2_Layout.jpg

Die nicht dokumentierte Bestückung mit NPN-Transistoren war im Grunde keine komplizierte Änderung. Unter Beibehaltung aller Widerstandswerte wurde nur die Stromversorgung der Stufe von Plus nach Minus und umgekehrt verlegt, was kaum erkennbar war, wenn man es nicht wusste.

Ich weiß nicht, weshalb man das so gemacht hatte (wohl nur bei einer begrenzten Stückzahl von Geräten), um dann doch wieder zu den PNP-Transistoren zurückzukehren. Geschah das (die Rückkehr) erst wieder ab dem CE1000/2 oder schon vorher? Weiß jemand von Euch etwas zu diesem Thema - vielleicht Rainer Hebermehl?

Das waren wieder mal Belege dafür, dass es bei vermeintlich gleichen Geräten doch immer wieder etwas Neues, manchmal auch Erstaunliches zu entdecken gibt, selbst wenn sie schon über 50 Jahre alt sind.

Viele Grüße

Heinrich

andreas schnadt
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Re: CE1000erlei

#2 Beitrag von andreas schnadt » 03.06.2021, 19:09

Hallo Heinrich,
Donnerwetter, es ist immer wieder hochinteressant Deine Beiträge zu lesen; als elektronentechnischer Laie bewundere ich das, was Du da immer wieder wiederherstellst!
Hut ab! Andreas
Viel Freude beim Hören !

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Wilhelm
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Re: CE1000erlei

#3 Beitrag von Wilhelm » 04.06.2021, 01:10

Hallo Heinrich,
wie immer ein fachlich toller Bericht. Mir ist die Verwendung von BC109 an Stelle der beiden BC179 nicht bekannt. Man lernt halt nie aus.

In einem meiner CE1000 hatte ich auch ein selbst geknotetes Skalenseil erfolgreich eingebaut. Allerdings hatte ich dafür keine Naturfaser benutzt, sondern Angelschnur. In der Zwischenzeit hat mich allerdings ein freundliches Forumsmitglied mit einem originalen Skalenseil versorgt.

Nochmals vielen für den Bericht (Kopie ist schon in meinen Unterlagen)

Wilhelm

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